Friday, July 21, 2006

Back Link Metamorphose der Pflanzen

Wenn man dem Rezitator Lutz Görner glauben darf, gibt es in Deutschland ungefähr 200.000 Menschen, die sich regelmäßig mit Lyrik beschäftigen. Ich gehöre zu diesen Menschen. Wir sind also eine ziemlich große Gruppe – und stehen auch nur 79. 800.000 Deutschen gegenüber, die sich nicht für Gedichte interessieren. Wer sich für Gedichte interessiert, kommt am wohl größten deutschen Dichter und Denker, Johann Wolfgang von Goethe nicht vorbei. Eines seiner Gedichte, die Metamorphose der Pflanzen, geht mir, besonders im Frühling und Sommer, viel durch den Kopf. Bevor ich es aufschreibe, möchte ich aber ein paar Gedanken zu Goethe festhalten.

Der größte deutsche Dichter und Denker? Wohl ja. Gibt es eine Heinezeit? Eine Droste-Hülshoff-Zeit? Eine Fleming-Zeit? Nein. Aber die Goethezeit gibt es. Schon das mag ein Hinweis sein. Goethe war Schriftsteller, Jurist, Gärtner, Maler, Naturwissenschaftler, Theaterregisseur, Minister in verschiedenen Funktionen, Frauenliebhaber, Schillerfreund, um nur einiges aufzuzählen. Den letzten Beweis für die Richtigkeit der Evolutionstheorie Darwins … fand, was nur wenige wissen, Goethe – den menschlichen Zwischenkieferknochen. Eine Arbeitsgemeinschaft auf höchstem Niveau, wie es sie nie wieder gab: Goethe und Schiller. Eine Liebebeziehung ganz besonderer Art: Goethe und Charlotte von Stein.

Nun aber zu dem Gedicht. Als Goethe es niederschrieb, hatte er, in ganz groben Zügen, folgendes Leben hinter sich. 1749 ins mittelalterliche Frankfurt am Main geboren, wuchs er in einem großbürgerlichen Hause auf. 350 Jahre hätte ein einfacher Arbeiter leben müssen, um das zu verdienen, was Vater Goethe in seinen Sohn investierte. Aber es war ja eine Investition, die sich lohnte … Goethe studierte Rechtswissenschaften, übte diesen Beruf aber, wie so viele Juristen, nie aus. Mit Anfang zwanzig schrieb er den Weltbestseller „Die Leiden des jungen Werthers“. Wenige Jahre später rief ihn Carl August, Fürst und Herrscher des winzigen Reiches Sachsen- Weimar, an den dortigen Hof. Goethe war 26 Jahre alt, als er nach Weimar ging, der Herrscher Carl August 18 Jahre. Fest entschlossen, nur wenige Jahre in dem winzigen Nest, „ … von allen Fürstentümern eines der elendsten“, zu verbringen, blieb Weimar für den Rest seines Lebens der Mittelpunkt von Goethes Leben. Er übernahm verschiedene Ministerämter, war zehn Jahre lang mehr Politiker als Dichter, und stand in enger Beziehung zu Charlotte von Stein, die großen Einfluss auf ihn hatte: „Träufelst Mäßigung in meine Seele, warst mir Schwester oder Braut ...“. Und dann begannen die Intrigen, das Feilschen, die Politik ihn mehr und mehr anzuwidern:

„Der du von den Himmeln bist, alle Qualen stillest,
den, der doppelt elend ist, doppelt mit Erquickung füllest.
Ach, ich bin des Treibens müde, was soll all` die Qual und Lust?
Süßer Friede, komm, ach komm in meine Brust.“

Um diesen Frieden zu finden, floh Goethe in einer Nacht- und Nebelaktion aus Weimar nach Italien, wo er zwei Jahre lang unter einem Pseudonym lebte. Der Herzog Carl August, sein Freund, gewährte ihm nachträglich Urlaub und zahlte in diesen zwei Jahren sein Ministergehalt weiter! Zurückgekehrt nach Weimar verliebte er sich in die lebensfrohe, lebensvolle und viel jüngere Christiane Vulpius, mit der er neunzehn Jahre in wilder Ehe lebte. Bei der Hochzeit war der gemeinsame Sohn August bereits achtzehn Jahre alt!

Das Gedicht Metamorphose der Pflanzen ist, auch wenn das nicht ganz leicht zu erkennen ist, ein Liebesgedicht auf Christiane, auf die Liebe und das Leben. Gleichzeitig ist es eine Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Fragen (gab es eine Urpflanze oder nicht?) – und mit literarischen Fragen. Das Gedicht reimt sich nämlich nicht! Damit greift Goethe auf alte griechische Formen zurück und verweist gleichzeitig – trotz seines für uns ungewohnten Sprachgebrauchs - auf die Moderne.

Hier ist es:

Metamorphose der Pflanzen

Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung
Dieses Blumengewühls über dem Garten umher;
Viele Namen hörest du an, und immer verdränget
Mit barbarischem Klang einer den andern im Ohr.
Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern;
Und so deutet der Chor auf ein geheimes Gesetz,
Auf ein heiliges Rätsel. O könnt` ich dir, liebliche Freundin,
Überliefern sogleich glücklich das lösende Wort!
Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die Pflanze,
Stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht.
Aus dem Samen entwickelt sie sich, sobald ihn der Erde
Stile befruchtender Schoß hold in das Leben entlässt,
Und dem Reize des Lichts des heiligen, ewig bewegten,
Gleich den zärtesten Bau keimender Blätter empfiehlt.

Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes Vorbild
Lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt,
Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos;
Trocken hält so der Kern ruhiges Leben bewahrt,
Quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend,
Und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht.
Auch einfach bleibt die Gestalt der ersten Erscheinung;
Und so bezeichnet sich auch unter den Pflanzen das Kind.
Gleich darauf ein folgender trieb, sich erhebend, erneuet,
Knoten auf Knoten getürmt, immer das erste Gebild.
Zwar nicht immer das gleiche; denn mannigfaltig erzeugt such,
Ausgebildet, du siehst`s immer das folgende Blatt,
Ausgedehnter, gekerbter, getrennter in Spitzen und Teile
Die verwachsen vorher ruhten im untern Organ.
Und so erreicht es zuerst die höchst bestimmte Vollendung,
Die bei manchem Geschlecht dich zum Erstaunen bewegt.
Viel gerippt und gezackt, auf mastig strotzender Fläche,
Scheinet die Fülle des Triebs frei und unendlich zu sein.
Doch hier hält die Natur, mit mächtigen Händen, die Bildung
An und lenket sie sanft in das Vollkommenere hin.
Mäßiger leitet sie nun den Saft, verengt die Gefäße,
Und gleich zeigt die Gestalt zärtere Wirkung an.
Stille zieht sich der Trieb der strebenden Blätter zurücke
Und die Rippe de Stiel bildet sich völliger aus.
Blattlos aber und schnell erhebt sich der zärtere Stengel
Und ein Wundergebild zieht den Betrachtenden an.


Wende nun, Geliebte, den Blick zum bunten Gewimmel,
Das verwirrend sich nicht mehr sich vor dem Geiste bewegt.

Jede Pflanze verkündet die nun die ew`gen Gesetze,
Jede Blume, sie spricht lauter und lauter mit Dir.


Oh, gedenke denn auch, wie aus dem Keim der Bekanntschaft
Nach und nach uns holde Gewohnheit entspross,
Freundschaft sich mit Macht aus unserem Inneren enthüllte,
Und wie Amor zuletzt Blüten und Früchte gezeugt,
Denke, wie mannigfach bald die, bald jene Gestalten,
Still entfaltend, Natur unseren Gefühlen geliehn!
Freue Dich auch des heutigen Tages! Die heilige Liebe
Strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf,
Gleicher Ansicht der Dinge, damit in harmonischem Anschaun
Sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt.

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